Fritz Schwind: "Helmut Coing 1912-2000" (Privatdruck Herbst 2000)

Am 15. August dieses Jahres hat uns Helmut Coing für immer verlassen. Um dieser außergewöhnlichen Persönlichkeit einigermaßen gerecht zu werden, muß man sie in ihrem geisteswissenschaftlichen Zusammenhang betrachten. Wir befinden uns in einer Jahrtausendwende, und wenn das auch als Zahlenspielerei betrachtet werden kann, so ist unsere Zeit doch eine, in der sich Umbrüche auf allen Gebieten vollziehen. Alle Wissenschaften, und so auch die Rechtswissenschaft, werden immer mehr spezialisiert  und überall sind die Analytiker im Vordringen, während die Synthetiker im Aussterben sind. Auch die Juristen sind hauptsächlich damit beschäftigt, in allen Sparten die immer zahlreicher und komplizierter werdenden Detailfragen einer Lösung zuzuführen. Die großen Zusammenhänge  sind immer schwerer zu erkennen, ja sie zu suchen wird kaum mehr unternommen, und die geistigen Hintergründe dieser Zusammenhänge stehen nicht mehr im Zentrum des Interesses.

Coing war einer der Letzten dieses Jahrhunderts, dem es um das Recht in seiner Gesamtheit ging. Es ist bezeichnend, dass er sich gleich nach Ende des Krieges und damit des Unrechtsstaates den "Obersten Grundsätzen des Rechts" (1947) und den "Grundzügen der Rechtsphilosophie" zuwendete. Von dort führe ihn sein Weg zum Zentrum seiner Lebensarbeit, der Rechtsgeschichte. Er war in einer kritischen Zeit Rektor der Universität Frankfurt und Präsident der westdeutschen Rektorenkonferenz, Vizepräsident der Max-Planck-Gesellschaft und langjähriger Direktor des Max-Planck-Institutes für Europäische Rechtsgeschichte, in dem er mit seinen Mitarbeitern in den umfangreichen Publikationen des Institutes eine überragende Arbeit geleistet hat. Oft war ich zu den Sitzungen des Institutes in Frankfurt eingeladen und habe dort immer viel gelernt.

Es gehörte zu den großen Augenblicken meines Lebens, als ich anlässlich der Feier des 600-jährigen Bestehens der Wiener Universität 1965 als Dekan der Juristenfakultät Coing die Urkunde über seine Ernennung zum Ehrendoktor der Fakultät auf der Bühne des Wiener Burgtheaters in einem Festakt, der heute nicht mehr vorstellbar wäre, überreichen durfte. Es war dies eine der ersten Ehrungen dieser Art, die sich bei Coing noch rund ein Dutzend Mal an anderen Universitäten in aller Welt wiederholen sollten. Auch die Mitgliedschaften in Akademien der verschiedensten Länder ist ohne Zahl. Deutschland hat ihn mit den höchsten Auszeichnungen wie dem Bundesverdienstkreuz mit Schulterband und Stern sowie dem Orden Pour le Merite ausgezeichnet, dessen Kanzler er auch gewesen ist.

Ein weiterer großer Augenblick in meinem Leben war die Feier von Coings 80. Geburtstag. Als der deutsche Bundespräsident Freiherr von Weizsäcker zu Ehren des Jubilars in der Residenz in Bonn ein Mittagessen gab, bei dem der Hausherr eine Laudatio hielt, in der die außergewöhnlichen Persönlichkeiten des Laudators wie des Laudanden eindrucksvoll zum Ausdruck kamen.

Mit Helmut Coing ist uns eine der letzten ganz großen Gestalten und Gestalter der Rechtswissenschaften des ausklingenden Jahrtausends in die Ewigkeit vorausgegangen.

                                                                                              Fritz Schwind