Helmut Coing
28.2.1912 - 15.8.2000
Mit Helmut Coings Tod im hohen Alter von 88 Jahren verliert die europäische Rechtswissenschaft einen Gelehrten, der als rechtshistorischer Forscher und als Gründer und Leiter eines weltweit einzigartigen Forschungsinstituts seiner Disziplin in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts größtes internationales Ansehen erwarb und mehr als jeder andere dazu beigetragen hat, dass die rechtsgeschichtliche Wissenschaft nationale Schranken überwand und dass dabei Grundlinien einer europäischen Privatrechtsgeschichte der Neuzeit von ihm selbst und einer großen Zahl seiner Mitarbeiter und Schüler erarbeitet wurden.
Seine wissenschaftliche Karriere begann mit Promotion und Habilitation in den Jahren nationalsozialistischer Herrschaft in Deutschland. Coings frühe Arbeiten blieben jedoch vom Zeitgeist unberührt; er widmete sich in Dissertation und Habilitationsschrift den Fragen der Rezeption des römischen Rechts in Frankfurt/Main im 16. Jahrhundert und lieferte in beiden Jugendwerken glänzende Analysen, die bis heute zur Standardliteratur in der Rechtsgeschichte der Rezeption zählen. Sein Lehrer war Erich Genzmer, der die von Emil Seckel begründete große Tradition der Erforschung des mittelalterlichen römischen Rechts auf gleich hohem Niveau fortgeführt hatte. Mit dem Rezeptionsthema entschied sich Coing in einer Zeit ideologischer Verherrlichung des Germanentums für die Erforschung der auf römischem und kanonischem Recht aufbauenden europäischen Rechtswissenschaft, deren transnationale Einheit er bis in seine letzten Publikationen um 1990 - etwa in dem Vortrag ‚Von Bologna bis Brüssel' 1989 - unermüdlich in Erinnerung rief.
Nach der Zeit des Zweiten Weltkriegs waren Coing Jahrzehnte fruchtbarer Forschung und Lehre an der Universität Frankfurt gewährt. Der von reformierter Herkunft und liberalem Geist geprägte Gelehrte fand in Frankfurt lange Zeit eine ihm zusagende Arbeitsatmosphäre, so dass er trotz der Möglichkeit des Wechsels der Universität Frankfurt treu blieb. Hier wirkte er auch als Universitätsrektor 1955-1958; an seiner Fakultät hatte er als eng verbundene Kollegen die politisch engagierten Juristen Franz Böhm und Walter Hallstein. Auch Coing widmete einen erheblichen Teil seiner bewunderungswürdigen Arbeitskraft der Politik, speziell der Wissenschaftspolitik, die in der Bundesrepublik der fünfziger und sechziger Jahre erhebliches Gewicht bei der politischen Prioritätensetzung hatte, was gegenüber der simplifizierten Charakterisierung dieser Zeit als bloßer Restaurationsepoche festgehalten werden sollte. Coing wurde Vorsitzender der Westdeutschen Rektorenkonferenz und später des von ihm mitbegründeten Wissenschaftsrats; er war Vizepräsident der Max-Planck-Gesellschaft und schließlich auch Kanzler des Ordens ‚Pour le mérite' - die Berufung in diese ‚Ordensgemeinschaft' von Wissenschaftlern und Künstlern war wohl die größte Anerkennung unter den zahlreichen Ehrungen, die ihm zuteil wurden. Jede Geschichte der deutschen Wissenschaftspolitik während der Jahre 1950-1970 muss Coings Namen erwähnen; es sei nur an den maßgeblichen Anteil erinnert, den er als Mitglied des Strukturbeirats 1965 an der Planung der Universität Regensburg hatte, der ersten bayerischen Universitätsgründung nach 1945. Es war Coings Verdienst, dass in Regensburg die juristische Fakultät einen rechtshistorischen Schwerpunkt erhielt.
Coing war ein geradezu genial begabter Organisator wissenschaftlicher Großunternehmen, allgemein respektiert als Rat- und Stichwortgeber bei zahlreichen wissenschaftsfördernden Stiftungen, von denen hier nur die Thyssen-Stiftung genannt sei. Seine größte wissenschaftsorganisatorische Leistung war jedoch die Gründung des Max-Planck-Instituts für Europäische Rechtsgeschichte in Frankfurt 1965, das er anschließend bis 1980 über anderthalb Jahrzehnte mit fester Hand leitete. Er konnte viele Mitarbeiter für die Großprojekte des Instituts gewinnen, unter denen in der Ära Coing das ‚Handbuch der Quellen und Literatur der neueren europäischen Privatrechtsgeschichte' im Mittelpunkt stand, dessen Bände von 1973 bis 1988 erschienen. Für dieses Werk schrieb Coing selbst die Beiträge zur Universitätsgeschichte; das Handbuch ist heute für rechtshistorische Forschung im internationalen Maßstab wohl das wichtigste Hilfsmittel.
Neben der wissenschaftsorganisatorischen Leistung Coings steht mit zumindest gleichem Gewicht das überaus reiche wissenschaftliche Werk auf den drei Gebieten der europäischen Rechtsgeschichte, der Rechtsphilosophie und des deutschen Zivilrechts. Im Bereich der Rechtsgeschichte war Coing nach traditioneller Einteilung Romanist, fand aber sein Arbeitsgebiet hauptsächlich in der neueren Privatrechtsgeschichte seit dem Spätmittelalter, nicht so sehr im antiken römischen Recht. In der mittelalterlichen Rechtswissenschaft faszinierte ihn die Gestalt des überragenden Juristen Bartolus, dessen Methode bei der Anwendung des römischen Rechts er eine bahnbrechende Studie widmete (Die Anwendung des Corpus Iuris in den Consilien des Bartolus, Studi in memoria di Paolo Koschaker I, 1954). In einer anderen Arbeit konnte Coing zeigen, dass Bartolus in der frühen Neuzeit in Deutschland der einflussreichste Jurist überhaupt für die Rechtslehrer des Usus modernus pandectarum war, ja ein Symbol für den Juristen schlechthin noch in Lessings ‚Hamburgischer Dramaturgie'. Seine Erkenntnisse zur Rezeption des römischen Rechts fasste Coing 1964 in dem großen Handbuchbeitrag ‚Römisches Recht in Deutschland' für das Sammelwerk ‚Ius Romanum Medii Aevi' zusammen, das später unvollendet abgebrochen wurde, in dem aber jedenfalls Coings Beitrag eine der selbständigsten und wohl dauerhaftesten Leistungen ist. Er beschäftigte sich jedoch nicht nur mit der Rezeption des römischen Rechts und dem europäischen ius commune, sondern verfasste auch wegweisende Studien zur vergleichenden Rechtsgeschichte, so zum Einfluss des kanonischen Rechts auf das englische Common Law und zum Einfluss Frankreichs auf das deutsche Recht seit der Rechtsschule von Orléans und in der späteren Zeit des Humanismus. Nach vielen Einzelabhandlungen, die 1982 in einer zweibändigen Aufsatzsammlung zusammengefasst wurden, folgten dann 1985 und 1989 noch zwei Bände ‚Europäisches Privatrecht', ein umfassender Überblick über die Dogmengeschichte des ius commune von 1500 bis 1900 - im ersten Band der frühen Neuzeit bis 1800 gewidmet, im zweiten Band auf das durch nationale Gesetzbücher geprägte 19. Jahrhundert konzentriert. Dieses große Alterswerk, das in deutscher Sprache keine Vorläufer hatte, liefert überall neue Perspektiven und erschließt vor allem in Band I vorher weitgehend unbekanntes Material. Es ist gewissermaßen Coings Vermächtnis für die heutige Forschung auf dem Gebiet europäischer Rechtsgeschichte.
Nicht erst im Spätwerk gehörte die deutsche historische Schule und die Pandektenwissenschaft zu Coings zentralen Interessengebieten. Er beschäftigte sich besonders mit dem Systemgedanken in der deutschen Rechtswissenschaft seit Savigny und erkannte schon vor der nach 1980 erneut intensivierten Savigny-Forschung die Zäsur, die Savignys Werk für die theoretischen Grundlagen der Rechtswissenschaft bedeutete. In einer Zeit weitverbreiteter Skepsis gegenüber dem Wissenschaftscharakter der Rechtswissenschaft schrieb er 1979, dass Savigny ‚eine mögliche Ansicht des Rechts und eine dem Geist europäischer Rechtskultur sehr gemäße' formuliert habe. Zweifellos war ihm Savigny näher als Hegel - ich erinnere mich an eine gelegentliche mündliche Bemerkung, er halte es für richtig, dass Savigny und nicht Hegel Mitglied der Preußischen Akademie der Wissenschaften geworden sei. Coing stand kaum in der Tradition der spekulativen idealistischen deutschen Philosophie. Gleichwohl legte er ein umfangreiches eigenes rechtsphilosophisches Werk vor.
Coings rechtsphilosophische Publikationen setzen mit einer Arbeit der ersten Nachkriegsjahre ein, die den charakteristischen Titel trägt: ‚Die obersten Grundsätze des Rechts. Ein Versuch zur Neugründung des Naturrechts.' Dieses Buch ist zweifellos ein Hauptbeispiel für die Naturrechtsrenaissance in der deutschen Rechtswissenschaft der ersten Nachkriegszeit, die schon in den fünfziger Jahren allmählich verebbte und heue meist nur als zeitgeschichtlich bedingtes Phänomen ohne bleibenden Ertrag klassifiziert wird. Jedoch muss in bezug auf Coing gesagt werden, dass seine rechtsphilosophischen Publikationen, die in einem bis 1993 fünfmal aufgelegten Lehrbuch ‚Grundzüge der Rechtsphilosophie' mündeten, schon wegen der Bedeutung der dort entwickelten rechtsphilosophischen Grundsätze für das Werk des Rechtshistorikers und Zivilrechtlers Coing Aufmerksamkeit verdienen, gewissermaßen als rechtsphilosophisches Glaubensbekenntnis eines deutschen Juristen. Es scheint mir nicht zufällig zu sein, dass Coing sein rechtsphilosophisches Hauptwerk ‚Meiner lieben Frau' gewidmet hat. Seine Rechtsphilosophie knüpft an die Wertphilosophie Max Schelers und Nicolai Hartmanns an, enthält jedoch weit mehr als eine Applikation der materialen Wertethik für den Horizont des Juristen. Coings Auseinandersetzung mit dem Naturrechtsproblem endet nicht wie bei manchen Rechtshistorikern im Historismus, sondern in einer Anerkennung ‚überhistorischer Situationen' und wiederkehrender Elemente menschlichen Lebens, an die vorsichtig formulierte Sätze der Gerechtigkeit anknüpfen können, welche die Grundlage des positiven Kulturrechts bilden. Recht ist für Coing primär eine Kulturerscheinung, so dass völlig willkürliche Rechtsimperative unterhalb eines rechtskulturellen Minimalniveaus liegen und keine Rechtsgeltung beanspruchen können. Auf etwas anderem Begründungsweg gelangt Coing zu dem in der sogenannten Radbruchschen Formel festgehaltenen Ergebnis. Coings Naturrechtsverständnis, das sich ausdrücklich auf historische Empirie und nicht allein auf Sätze a priori beruft, vermeidet emphatisch formulierte Naturrechtssätze. Er ist aber andererseits in seinen Aussagen auch überraschend konkret, indem er etwa neben den ehrwürdigen aristotelischen Gerechtigkeitskategorien schon 1947 den Begriff einer dritten Art der Gerechtigkeit bildet, der iustitia protectiva, die den Staat zum Schutz des einzelnen in die Pflicht nimmt; durch sie soll auch die Geltung und der Schutz von Grundrechten in positiven Rechtsordnungen legitimiert werden. Eine intensive Auseinandersetzung mit Coings rechtsphilosophischem Werk steht vielleicht noch aus.
Eine Würdigung Coings wäre ohne einen Blick auf sein umfangreiches Werk in der zivilrechtlichen Dogmatik unvollständig. Er war ein maßgebender Autor auf dem Gebiet des deutschen Erbrechts, wo er seit 1953 das von Theodor Kipp verfasste angesehenste und umfangreichste Lehrbuch fortführte. Er verfasste seit 1954 die Einleitung und die Kommentierung des Allgemeinen Teils für Staudingers Kommentar zum BGB, dem größten und traditionsreichsten BGB-Kommentar. Die Einleitung gab ihm Gelegenheit, seine Auffassung zur juristischen Methodenlehre darzustellen; mit Coings Neubearbeitung erreichte diese Ouverture des großen Kommentarwerks, die nach 1900 zunächst von dem großen Juristen Theodor Loewenfeld verfasst war und nach 1933 nationalsozialistisch pervertiert wurde, zum erstenmal wiederum rechtstheoretisches Niveau. Von Coings Kompetenz als Zivilrechtler und Rechtsvergleicher zeugt ferner sein Buch ‚Die Treuhand kraft privaten Rechtsgeschäfts' (1973), in dem er Rechtsgedanken des Common Law für das deutsche Recht verwendete. Coing verfügte als Jurist wie selbstverständlich über historische, dogmatische und philosophische Fachkompetenz.
Als Charakter vermittelte Coing den Eindruck eines selbstbewussten und vielerfahrenen Mannes mit Blick für das Wesentliche, zurückhaltend und etwas spröde auch im persönlichen Kontakt, aber überaus klar und zuverlässig. Gradlinigkeit des Denkens und Handelns in teilweise schwierigen Zeitläuften zeichnete ihn aus. Er hat maßgeblich dazu beigetragen, dass rechtsgeschichtliche Forschung in der zweiten Hälfe des 20. Jahrhunderts in Deutschland eine Blütezeit hatte, deren Fortdauer im 21. Jahrhundert man nur hoffen kann.
Peter Landau