Hans Erich Troje

Europa und griechisches Recht

(Frankfurter Antrittsvorlesung vom Sommer 1970)
 

I.

Die schwächere Sache zur stärkeren machen. Dies war, nach glaubwürdiger Überlieferung, ein Bemühen des Sophisten Protagoras. Sophisten, von Platon bekämpft und von Aristophanes verspottet, haben wenig guten Ruf. Im Banne der Vorstellung, das Stärkere müsse denn wohl auch das Bessere sein, das Schwächere folglich das Schlechtere, hat man seit Aristophanes gelehrt, Protagoras habe die schlechtere Sache zur besseren machen wollen. Protagoras meinte es anders. Er glaubte, die schwächere könne die in Wahrheit bessere, die unschuldig angeschuldigte, die vom Herrschenden zu Unrecht unterdrückte Sache sein.

In Europa hat griechisches Recht den schwächeren Stand. Von E u r o p a spreche ich, dies vorweg, zumeist im Hinblick auf seine mittelalterliche Begründung, meine also das politische Gebilde, welches entstand, als Karl der Große das Frankenreich zu einem übernationalen Christenreich erhöhte. Von R e c h t spreche ich, wie das Thema verlangt und erlaubt, in einem mehr griechischen als römischen Sinne, also im Hinblick mehr auf die Gesamtordnung des Gemeinwesens und die Regulierung öffentlicher Gewalt als auf den Bereich des klassischen Privatrechts, und mehr im Hinblick auf Grundfragen von Recht und Gerechtigkeit als auf positivrechtliches Detail. Von G r i e c h i s c h schließlich spreche ich, dies ist vielleicht die riskanteste Vorbemerkung, im Hinblick auf eine neu entdeckte Kontinuität griechischen Denkens von der Antike über Justinian und die von ihm verfügte Schließung der Akademie hinaus, bis zu den griechischen Lehrern der Humanisten, eine Kontinuität der Problematik, Methodik und Lösungstypik bis zu den Boden- und Steuerreformplänen des Kreises um Plethon und die Akademie von Mistra.

Ich meine also mit "Griechisch" die byzantinische, vor allem mittel- und spätbyzantinische Welt ebenso wie die altgriechische und hellenistische. Unter dem Aspekt des Nachlebens justinianischen Rechts im Osten, der die Forschung bisher leitete und in den bisher vorliegenden Darstellungen dominiert, bleiben die meisten jener Momente verdeckt, die das mittel- und spätbyzantinische Recht mit dem griechischen verbinden. Byzantinisches Recht in seiner Gesamtheit beurteile ich nicht nach der von Dieter Simon kraftvoll und unwiderleglich beschriebenen Schwäche und Schwächlichkeit des 6. und 7. Jahrhunderts, sondern nach der Stärke der gesetzgeberischen und wissenschaftlichen Leistungen, die es vom 8. Jahrhundert an erbracht hat. Für die vorchristliche Zeit soll von "griechisch" im Hinblick nur auf das athenische Vorbild gesprochen werden. Hellenistische Kultur und hellenistisches Recht sind ohnehin athenisch.

Auch über römisches Recht, das ja in unserem Thema versteckt präsent ist, eine unentbehrliche Vorbemerkung. Das Eigentümlich-Einzigartige des römischen Rechts ist die Isolierung der sogenannten Rechtsfragen von allen anderen, sozialen, wirtschaftlichen, politischen Aspekten, die "Konstituierung einer eigenständigen Rechtswelt" (Wieacker). Sie wird konstituiert im Monopol von Rechtsgelehrten, die, wie auch die Laienrichter, nur dem Adel, zunächst dem alten, und, seit dem 1. vorchristlichen Jahrhundert, auch dem neuen Geldadel entstammten. Demgemäß orientiert sich das alte ius civile an den Interessen der Nobilität, das modernere Fremdenrecht an denen des ordo equester. Römisches Recht entwickelt sich, als Privatrecht, auf dem Boden einer streng aristokratisch verfaßten Res publica. Den Klassikern gelingt es, Charakter und Einheit der juristischen Hochkultur auch in der Auflösung der gesellschaftlichen Strukturen, aus denen es erwachsen war, über einen langen Zeitraum zu sichern. - Dieses Juristenrecht ist nun so konstituiert, daß für soziale Vorgänge und Zustände, die den Interessen von Nobilität und ordo equestcr förderlich oder zuträglich sind, in jener eigenständigen Rechtswelt geeignete Figuren mit tauglichen Wirkweisen geschaffen werden, für die unzuträglichen dagegen nicht. Ist dies einmal mit einiger technischer Perfektion geschehen, kann künftig jeder unerwünschte soziale Vorgang oder Zustand ohne Preisgabe wahrer Motivationen von Rechts wegen als juristisch unmöglich verhindert werden. Gerechtigkeit ist im Rahmen dieser Honoratiorenjurisprudenz kein eigentlich juristischer Maßstab. "Nur die Schwachen", sagt Aristoteles (Politik 1318 b 4), "erstreben das Gleiche und Gerechte, die Starken kümmern sich nicht darum."

Bis hierhin Vorbemerkungen. Was ich nun entwickeln will, ist, vorweg zusammengefaßt, folgendes: Das Gedankengebilde, welches die Formel "Europa und das römische Recht" bezeichnet, ist gewiß kein unwahres, aber doch nur ein halbwahres, unvollständiges. Denn es bringt nur die herrschenden Strömungen zum Ausdruck und verschweigt die Unterströmungen, welche die Gegenformel "Europa und griechisches Recht" ins Bewußtsein heben will. In seiner europäischen Wirkungsgeschichte ist römisches Recht berufen und befähigt, wiederum den aristokratischen Keim jeden Gemeinwesens zur Entfaltung zu bringen, indem es nämlich, wo Geschicklichkeit mit adligem Familiensinn gepaart ist, die erbliche Anhäufung von Reichtum und Macht begünstigt. Von zwei Seiten vor allem stellt griechisches Recht eine Bedrohung herrschender Strömungen und Mächte dar. Es bedroht aristokratisch-feudalistisch verfaßte Staaten mit dem Gegenmodell einer zu politischer Mündigkeit aller Glieder strebenden Gesellschaft, der Demokratie, einerseits, mit dem Gegenmodell einer Monarchie als einer von starker, den Kampf gegen Feudalmächte nicht scheuender Zentralmacht durchwalteten Gesellschaft andererseits. Jenes ist vor allem in der Blüte Athens, dieses vor allem in der Blüte Konstantinopels praktisch vorgelebt und theoretisch begründet worden. Das aristokratische Rom und aristokratisch verfaßte Europa wehren sich sowohl gegen den "Unsinn" athenischer Demokratie wie gegen den Schrecken byzantinischer Sozialreformen und Wirtschaftslenkung.

II.

In Europa ist griechisches Recht der schwächere Logos. Gewiß, es gibt viele Tatsachen, an die man sich erinnert oder erinnern läßt: ein byzantinisches Rechtskompendium des 14. Jahrhunderts wird Grundlage des Zivilrechts im wiederbefreiten Griechenland bis 1946; Byzantinisches Recht, insbesondere die griechische Ecloga, im Gesetzbuch der Moldau von 1817; überhaupt in den Donaufürstentümern Ausweitung des Einflußgebietes griechischen Rechts über die weitesten Grenzen des byzantinischen Reichs hinaus; ähnliches in der westlichen Magna Graecia; Griechisches in den Gesetzen der Normannen, Langobarden und Staufer, schließlich auch, auf dem Rückweg in den Orient, in den Rechten normannischer Kreuzfahrerstaaten; auch daran kann man denken: daß die Welle kirchlicher und weltlicher Gesamt- und Einzelkodifikationen, die im 12. Jahrhundert ganz Europa durchläuft, denn doch Anregung und Vorbild von byzantinischen Gesetzgebungen empfing. Vom hellenistischen und byzantinischen Anteil am justinianischen Corpus iuris einmal abgesehen, kann man sagen, Europa sei überall und allezeit von griechischem Recht umgeben und durchsetzt. Gleichwohl sind solche und viele weitere Tatsachen, welche, wie inkommensurabel auch immer, Präsenz des Griechischen in Europa belegen, immer wieder aus dem Kulturbewußtsein und dem Themenkreis der etablierten Forschung verdrängt, oder, wurden sie erforscht, bagatellisiert worden. Dies nicht zufällig, sondern mit historischer Konvergenz. Europa ist, historisch gesehen, christliche Welt unter Ausschluß des Griechischen, nicht Einheit, sondern Zerstörung der Einheit der Christen am Mittelmeer. Begründet durch sein lateinisches Mittelalter, tendierte Europa folgerichtig dahin, die Dominanz des Lateinischen zu steigern und den Anteil, den römische Staatsidee, Kirche und Kultur an seiner Prägung haben, zur Totalität zu erhöhen. So besteht also Europa einerseits in der "Einheit seiner Erinnerungen" (Heimpel), andererseits in der Einheit seiner Verdrängungen, Unterdrückungen und Tabus. Jene umfassen das Römische, diese das Griechische.

Identifizierungen mit Rom, Orientierungen an römischen Vorbildern ereignen sich in erstaunlichen Zusammenhängen. Nach einer seit dem 11. Jahrhundert viel vertretenen Theorie halten sich z. B. die Kardinäle für Nachfolger der römischen Senatoren. Herrschende Gremien fühlen sich als Senat, auch wo sie diesen Namen zu tragen sich scheuen. Römischer Adelsstaat, römischer Patronat, römisch-patrimoniale Formen der politischen Gewalt, römisches Eigentum, römische Schutzlosigkeit besitzloser Volksklassen (ich meine damit die Tatsache, daß die Pandektistik der Masse der Entleiher, Mieter, Pächter, Nießbraucher etc. den Interdiktenschutz versagt) - all dies römische Erinnerungen in der europäischen Existenz.

Dagegen ist nicht nur griechisches Recht, sondern die ganze Art von Menschlichkeit und Zivilisation, der es zugeordnet ist, in Europa auf Seiten des schwächeren Logos. Aller Bewunderung, auch der echten und kundigen, zum Trotze, sind geschichtliche Vorbilder der Griechen im Westen niemals wirklich lebendig geworden. Selbst noch in den Gestalten der beiden Scipio und des Cicero, des Hadrian und Mark Aurel bleiben Römer letztlich ungriechisch. Der ergreifende Brief, in welchem Cicero dem Bruder Quintus einschärft, er müsse bei Verwaltung der Provinz Asien römische Dankesschuld für griechische Kulturleistungen abstatten, ist letzten Endes doch nur ein Alibi. Muster eines römischen Parasiten, der Ausnutzung griechischer Leistungen mit Griechenverachtung verbindet, ist der ältere Cato; auch er steigert wie jeder Großgrundbesitzer den Ertrag seiner Latifundien, indem er griechische, wissenschaftlich begründete, d. h. die Erkenntnisse von Botanik, Zoologie, Geologie und Ökonomie nutzende Bewirtschaftungsmethoden übernimmt. Er schreibt gar sein Buch "Vom Ackerbau" in Form und Inhalt nach griechischen Vorbildern; man kann sich griechischer Kulturleistungen bedienen und doch die Hervorbringer jener Kultur als Griechlein, Graeculi, verspotten oder gar, unter Umdrehung des Spießes, ihrerseits als Parasiten diffamieren. Ähnliches gilt für den Humanismus. Trotz aller Bewunderung, trotz Erasmus, trotz aldinischer und mediceischer Akademien, trotz Hellaspropaganda der französischen Renaissance blieb griechische Sprache und griechisches Denken stets ein Fremdes. Ähnliches gilt erst recht für den Neuhumanismus und für dessen Gegner.

In der Geschichte des römischen imperium und des mittelalterlich begründeten lateinischen Europa läßt sich ein ständiges Andrängen und Eindringen griechischer Gedanken feststellen, denen ein ständiges Abdrängen und Ausweisen korrespondiert. Von der Ausweisung nicht betroffen sind gewisse Teile der griechischen Wissenschaftsmethodologie. Insbesondere die logischen Schriften des Aristoteles gelten als politisch neutrales Werkzeug, Organon, und haben als lingua franca aller denkenden Menschen freien Zutritt, wo anderes Griechisches ausgeschlossen bleibt. Wenn die thomistische Tradition weitere Schriften des Aristoteles als Vorläufer der Ideologie der feudal-klerikalen Ständegesellschaft kommentiert, so hat sie den anderen wahren Aristoteles gerade dadurch nicht nur ausgewiesen, sondern, noch wirksamer, gefangengesetzt.

In seiner unreduzierten Form ist griechisches Denken Ursprung aller europäischen Krisen. Phasen der Aneignung unreduzierter griechischer Gedanken sind Phasen sozialer Spannungen, Umformungen der Gesellschaft von oben (wo das monarchische Modell dominiert), Umwälzungen von unten (wo das demokratische dominiert). Phasen des Sichverschließens und Ausweisens, Phasen, in denen es, wie etwa im thomistischen Ausgleich von Aristoteles und Bibel, gelingt, den griechischen Gedanken an die kurze Leine zu nehmen, sind Phasen der Herrschaft des orthodoxen Konservatismus. Die unreduzierten griechischen Gedanken sind die europäischen Unruhestifter. Griechische Einladung zur Erkenntnis von Wahrheit kommt, im biblischen Bilde, als Schlange. Sie sticht in die Ferse und man zertritt ihr den Kopf, - das will heißen: man zerstört ihren Staat. Beide Male, als griechisches Denken den lateinischen Raum am heftigsten beunruhigte, in der hellenistischen Zeit Roms und der humanistischen der Renaissance, hatten griechische Staaten durch lateinische Überfälle, im ersten Fall unmittelbar, im zweiten mittelbar, politische Selbständigkeit verloren. Der erste Fall ist allgemein bekannt: Zerstörung von Korinth, 1000 achaeische Geiseln, Tausende griechischer Sklaven. Für den zweiten Fall, die Katastrophe von 1453, muß man, was niemand wissen will, - ein Stück der verdrängten Erinnerungen - deutlich sagen. Konstantinopel, vom 6.-12. Jahrhundert stärkste, lebendigste Macht des Mittelmeeres, starb 1453 an der Wunde von 1204, an den Folgen des Überfalls der Kreuzfahrer und Venezianer, und wegen anschließender unterlassener Hilfeleistung: die lateinische Kirche ließ alle Unionsverhandlungen mit der griechischen scheitern, und den Ketzern blieb folglich alle militärische Hilfe des Westens versagt. Die wahren Unruhestifter waren nicht so sehr lateinische Reisende und Zaungäste der griechischen Welt, sondern die Griechen selbst, wenn sie kamen als Geiseln, Sklaven, Flüchtlinge und Emigranten.

III.

In der gewaltsamen Schematisierung, die ein kurzer Vortrag verlangt und erlaubt, kann man aus dem gewissermaßen tagtäglichen Andrängen und Abdrängen drei historische Phasen hervorheben, in denen Träger der römisch-romanistischen Rechts- und Staatsentwicklungen sich den griechischen Einflüssen in größerem Umfange öffnen, und ihnen drei Phasen gegenüberstellen, in denen eingedrungene griechische Elemente wieder ausgeschieden oder mindestens politisch neutralisiert und weitere am Eindringen gehindert werden. Erstere sind die hellenistische, die byzantinische und die humanistische Phase der Jurisprudenz. Letztere sind die drei klassischen Phasen römisch-romanistischer Jurisprudenz: die klassische der Antike: Julian, Ulpian, Papinian; die klassische des Mittelalters: Accursius, Bartolus, Baldus; die klassische der Neuzeit: Savigny, Puchta, Windscheid. Die humanistische zählt, zur Vermeidung von Mißverständnissen sei es bemerkt, zu den klassischen nicht: ihr fehlt Geschlossenheit der Auffassungen, Einheit von Methoden und Zielen, ein Kanon anerkannter Literaturformen und vieles mehr.

a) In der h e 11 e n i s t i s c h e n Phase der römischen Rechtsentwicklung treten griechische Rechts- und Staatsauffassungen unruhestiftend auf den Plan. Die Gracchen erhoffen für Rom Demokratie nach freilich stark reduzierten athenischen Vorbildern. Bodenreform, Schuldentilgung, staatliche Getreidepreisstützung, Daseinsvorsorge, Konzilsverfassung, Abwählbarkeit der Imperiumsträger - alles griechische Gedanken. Ob, wie Eduard Meyer glaubte, Caesar ein hellenistisches Königtum in Rom etablieren, also ein wichtiges Element damaliger griechischer Zivilisation nach Rom verpflanzen wollte, - was in meine Konzeption gut passen würde - scheint heute wieder zweifelhaft. Aus der Staatsvorstellung des Augustus wurden solche Elemente jedenfalls wieder ausgeschieden. Wieweit der Einfluß im römischen Privatrecht, das sich in dieser Phase entfaltet, reicht, wissen wir, da die republikanische Literatur untergegangen ist, nicht sehr genau. Seit einer grundlegenden Untersuchung von Helmut Coing zur Methodik der republikanischen Jurisprudenz darf als sicher gelten, daß Übernahme griechischer Dialektik ein Schwerpunkt dieses Einflusses gewesen ist. Ob darüber hinaus die Epieikeia-Lehre und die Theorie vom Verhältnis Naturrecht-Satzung die Auflösung des ius civile durch ius honorarium und gentium ermöglichten, ob griechische Rechtsphilosophie den Sieg von Fremdenrecht und Formularprozeß beschleunigte, wie der ungarische Romanist Polay erneut vermutet, mag dahinstehen. Bei den Klassikern sind Spuren griechischen Rechtsdenkens zu mehr oder weniger gedankenlosen Redensarten verkümmert.

b) In der byzantinischen Phase der römischen Rechtsentwicklung kommen im Staatsrecht die monarchischen Auffassungen zum Tragen. Das von juristischen Fachleuten erarbeitete Gesetz, Erfindung der Griechen, bei römisch-romanistischcn Juristen klassischer Prägung stets unbeliebt und als Kulturverfallserscheinung diffamiert, wird jetzt wichtigstes Mittel der Weiterentwicklung von Gesellschaft und Recht. Offenlegung rechtspolitischer Ziele, von den Römern stets perhorresziert, wird zur Regel. In das Reichsrecht dringen, auch soweit es Privatrecht ist, auf breiter Front die von Diokletian noch abgewehrten Auffassungen hellenistischer Volksrechte ein.

c) In der humanistischen Phase des römischen Rechts kumulieren sich die in den vorangehenden Phasen aufgetretenen griechischen Einflüsse. Griechisches Recht tritt sowohl als altgriechisch-hellenistisches wie auch als byzantinisches in den Gesichtskreis derer, die nicht, wie die Mehrheit der italienischen Juristen, weiterhin die Augen verschließen. Gegen Ende dieser Phase, um die Mitte des 17. Jahrhunderts, erscheinen fast gleichzeitig eine Rekonstruktion der sogenannten Leges Atticae mit großem Kommentar und die Gesamtausgabe der Basiliken. Altgriechisches Rechtsdenken findet sich, wie in Gierkes Althusius-Buch vorbildlich gezeigt, einerseits bei Denkern der demokratischen Opposition, andererseits bei den Begründern des modernen Völkerrechts. Im Rahmen der im engeren Sinne humanistischen, nämlich der in Bourges begründeten und von einigen anderen französischen Universitäten aufgenommenen Jurisprudenz finden vor allem die byzantinischen Lehren sowohl des Staats- wie des Kirchenrechts, auch des Privat- und bisweilen gar des Strafrechts starkes Echo und weite, auf Teilgebieten gar volle Aufnahme. Byzantinisches Recht fällt in Frankreich auf einen Boden, der durch jahrhundertealte antiromanistische Traditionen und durch eine früh relativ stark entwickelte Zentralgewalt gut vorbereitet ist, um dort in beiden Richtungen die Entwicklung voranzutreiben. Antiromanismus, Antitribonianismus, Besinnung auf das Frankogallische, kirchlicher Gallikanismus einerseits; Festigung königlicher Zentralgewalt, Ausbau des großräumigen Territorialstaates, Aufstieg der Bürokratie, Zunehmen öffentlich-rechtlicher Strukturen in den gesellschaftlichen Machtverhältnissen und ein korrespondierendes Abnehmen patrimonialer Strukturen staatlicher Gewalt, all dies sind die Begleit- und Folgeerscheinungen der französischen humanistischen Jurisprudenz. Altgriechische, hellenistische und byzantinische Denkanstöße sind untrennbar zu einem komplexen Griechischen vermischt. Guillaume Budé, Erwecker französischer Renaissance und Wegbereiter humanistischer Jurisprudenz, hat in unsterblichen Mahnrufen an die Franzosen, in seiner gesamten politischen und wissenschaftlichen Publizistik auf Identifizierung Frankreichs mit Hellenentum hingearbeitet. Er beschwört z. B. die Erinnerung, wie ehemals ganz Frankreich von der Griechenkolonie Massilia befruchtet, zu einer ersten Kulturblüte, einer Blüte griechischer Kultur, gelangt sei. Seine antirömische, progriechische Propaganda ist Triebkraft der Hellas- und Byzanzforschungen, die er selbst unternimmt, organisiert und, durch Gründung der bekannten zentralen Institutionen, ermöglicht. Die europäische, oder besser, antieuropäische Sonderrolle noch des modernen Frankreich hat, scheint mir, in dieser antirömischen Griechenpropaganda eine ihrer Wurzeln. Schon im französischen Humanismus sind die graezistisch-byzantinistischen Studien auch außenpolitisch relevant: indem sie das Interesse an der Gegenwart des islamischen Orients steigern, tragen sie dazu bei, "die Zusammenarbeit von Paris und Stambul gegen das Kaisertum der Habsburger wissenschafllich zu untermauern" (B. Rubin). Die Entwicklung setzt sich fort: Vormacht des französischen Orienthandels, deshalb schließlich, 1740, auch französisches  Protektorat über die Christen im Orient, Napoleons Ägyptenexpedition und schließlich ....Gegenwart. Die byzantinisierte humanistische französische.Jurisprudenz wird kraft ihres wisssenschaflichen Ansehens für lange Zeit zu einem über Frankreich weit hinausgreifenden, fast einem europäischen Phänomen. Tota Europa solus legum interpres, nannte man schon den Juristen, der am meisten zur Aneignung des byzantinischen Rechts beigetragen hatte. Die französische Verunsicherung des romanistischen Rechtsdenkens greift um sich, greift sogar schon nach Italien, bis ihr mit Savigny der große romanistische Ruhestifter europäischen Formats entgegentritt.

IV.

Damit kommen wir zu den drei Phasen der klassisch-römisch-romanistischen Jurisprudenz, in denen es gelingt, den griechischen Rechtsgedanken gefangen- oder vor die Tür zu setzen. Einmal bei Savigny angelangt, empfiehlt es sich, mit der letzten zu beginnen:

a) Das deutsche 19. Jahrhundert ist eine Phase besonders konsequenter Unterdrückung griechischer Staats- und Rechtsvorstellungen. Im 19. Jahrhundert wird römische Geschichte, soweit Mommsen sie geschrieben hat, mit Aussparung also der Kaiserzeit, endlich zum Muster für alle Geschichte. In Savigny, von dem, wie mir scheinen will, auch die antigriechischen Impulse ausgehen, ist Orientierung am Römischen zu jener Kraft und Größe gesteigert, die jeden, auch den berechtigten Kritiker als Zwerg erscheinen lassen will. Die Vorbilder des römischen Patrizier, Großgrundbesitzer, Senator, Prätor sind bis zum äußersten verinnerlicht. Ideologische Kontaminationen, die dem Romanismus nun einmal anhaften, sind auf höchste Sittlichkeit stilisiert. Die von Savigny erneuerte Jurisprudenz ist auf extreme Weise lateinisch. Der Rechts p o l i t i k e r propagiert gegen den insoweit griechisch denkenden Thibaut römische Gesetzlosigkeit. Der Rechts d o g m a t i k e r folgt, mit letzter Parteilichkeit, solchen Autoren, die ihrerseits in ausschließlich lateinischen Traditionen stehen: er entthront Cujas und setzt den Bartolisten Donellus an seine Stelle. In dem Maße, wie sich die Latinisierung durchsetzt, entsteht die klassische Pandektistik. Der Rechts hi s t o r i k e r Savigny wendet sich, um sich auch aus ihr zu interpretieren, der Glossatorenzeit zu. Er begründet die streng lateinisch orientierte juristische Mediävistik mit all ihren Stärken und all ihren in der Quellengeschichte von Conrat noch triumphierenden Schwächen, deren Überwindung sich erst seit den letzten Untersuchungen von Hermann Kantorowicz anbahnt.

b) Die Epoche der G 1 o s s a t o r e n und Kommentatoren, zu der wir damit kommen, ist eine Zeit besonders weitgehender Ausweisung griechischer Elemente nicht nur aus dem Recht, sondern aus der Bildung und Literatur überhaupt. Die schon benannten, gewissermaßen innenpolitischen Gründe der Unterdrückung des Griechischen (Abwehr hier demokratischer, dort monarchischer Gegenmodelle) verbinden sich bei den Bologneser Juristen mit einem gewissermaßen außenpolitischen Motiv. Man muß den Antigraezismus von Bologna im Gesamtzusammenhang eines saekularen ost-westlichen Prestigekampfes zwischen Alt- und Neurom sehen: Verlegung des Regierungssitzes unter Konstantin dem Großen, zwei Hauptstädte nach der posttheodosianischen  Reichsteilung, zwei gleichberechtigte Hauptstädte auch noch, nach zwischenzeitlichem sogenannten Untergang Westroms, unter Justinian. Bald nach Justinian erwacht östliches Neurombewußtsein: Konstantinopel, neue, junge, lebenskräftige Metropole, Ersatz und Rechtsnachfolger des überaltert absterbenden Roms des Westens. Diesem berechtigten Staatsstolz oströmischer Griechen gegenüber hat das seinerseits wieder erstarkende westliche Selbstbewußtsein einen schweren Stand. Es behauptet sich durch den Trick der Retourkutsche: Westrom ist jung und stark, Ostrom alt und schwach, lautet die Europapropaganda des lateinischen Mittelalters. Zwar sprachen ihr alle Fakten Hohn, z. B. das Faktum, das sich erst im Schutze des Bollwerkes, das die Griechen mit ungeheuren militärischen Kraftanstrengungen nach Osten, Norden, Süden errichteten, lateinische Kultur entfalten konnte. Doch Lügen haben lange Beine, wenn sie abendländisches Selbstbewußtsein stützen und zu diesem Zweck gewissermaßen von den Kanzeln verkündet werden. Denn die Antigriechenpropaganda, wie überhaupt die Erneuerung der Führungsansprüche des alten Rom, nimmt von kirchlicher Seite ihren Ausgang. Träger der lateinischen Romidee des Mittelalters ist zunächst allein die Kirche. Anlaß und Motiv der ostwestlichen Zuspitzungen sind Weigerungen östlicher Patriarchen, den römischen als Obersthirten anzuerkennen. Irrtümer im griechischen Christenglauben, also Möglichkeiten, den kirchenpolitischen Gegner ideologisch zu verketzern, sollten sich schon finden. Später sollten auch Kreuzfahrer entdecken, daß, wenn schon Jerusalem nicht zu befreien, so doch Konstantinopel einen Überfall wert war. Das Papsttum steuert, als sich Gelegenheit bot, einem griechischen Weltoberhaupt weiblichen Geschlechts im Namen des Rechts Anerkennung zu versagen und statt der griechischen Irene den fränkisch-männlichen Karl als Kaiser auszurufen, sofort kompromißlos auf ein eingipfelig lateinisches Kaisertum zu. Zwei Jahrhunderte sträuben sich Karolinger und Ottonen gegen die ihnen zugedachte Weltkaiserrolle. Weltkaiser wollen erst Otto III. und seine Nachfolger sein. Weltkaiser brauchen ein Weltkaiserrecht und Weltkaiserjuristen. Jetzt also, erst nach dem Jahre 1000, ist die Zeit reif für die sogenannte Wiederentdeckung der Digesten und für den Aufstieg eines Standes römisch-romanistischer Juristen. Der lateinischen Staatsidee, die sie seither loyal propagieren, verdanken die Bologneser Juristen, daß ihre großen, bisweilen gigantischen intellektuellen Leistungen nicht, wie andere vergleichbare Leistungen, unbekannt blieben oder verketzert wurden, sondern den Lohn europäischen Ansehens erhielten. In dieser Interessengemeinschaft mit dem lateinischen imperium wurzelt, scheint mir, das außenpolitische Motiv des Antigraezismus der Glossatoren. Nichtanerkennung eines Staatsgebildes fällt, das lehren Vergangenheit und Gegenwart, am leichtesten in der Form des Nichtzurkenntnisnehmens aller Lebensäußerungen des Gegners. Am besten, die Sprache, deren Kenntnis zuvor alle Gebildeten erstrebten, gar nicht mehr verstehen. So kann man nicht nur das Kirchenrecht der Ketzerkirche, sondern alles Recht und alle Rechtswissenschaft der Griechen totschweigen.

Dies gelang indessen nur im engeren und engsten Bereiche der Wissenschaft Bolognas. In Neapel und Sizilien blieben griechische Traditionen wohlbekannt. Auch innerhalb der Bologneser Einflußzone gelang die Abweisung nur auf der Ebene der literarischen Hochkultur. Unterhalb der Rechtswissenschaft, also etwa auf der Ebene der Urkundenpraxis, gelang sie nicht. Dazu hatten Kaufleute, Signorien und Höfe denn doch zu viele Ostkontakte. Über den diplomatischen und Handelsverkehr drangen griechische Vertrags- und Denkmuster ständig ein. Einige harmlose und, wie der Satz  "Schuldverhältnisse sind Mütter der Klagen", gerade nützlich verwertbare Gedanken konnten denn, auf der Ebene der realen Kontakte importiert, auch einmal an die Oberfläche der literarischen Rechtstheorie gelangen. Diese zweite, mittlere, mittelalterliche Phase der Abweisung hält sich im Bereich der italienischen Rechtswissenschaft bis zur Kritik von Vico und Muratori. Sie überdauert in Italien die gesamte italienische Renaissance. Als man ringsum in Italien griechisch lernte und las, blieben die Juristen im lateinischen Mittelalter. Ihre Loyalität zum klerikalen Feudalismus half, die italienische Renaissance, soweit sie politische Oppositionsbewegung war, in Krise und Stillstand abzudrängen. Der italienische Jurist, der sich als Humanist entfalten wollte, mußte nach Frankreich gehen. Die französische Bewegung tendierte, wie wir sahen, nicht für, sondern gegen Europa.

c) Über die dritte, zeitlich gesehen, erste Abweisungsphase, die des klassischen römischen Rechts, ist nichts mehr nachzutragen. Die eigentümlich römische Prägung des Denkstiles klassischer Juristen ist ebenso bekannt wie etwa Diokletians abwehrende Haltung gegenüber den andringenden volksrechtlichen Anschauungen.

Eine letzte Bemerkung zu diesen zweimal drei Phasen. Während die Motive der Aneignung in den Quellen oft ziemlich deutlich ausgedrückt sind, sucht man zur Motivierung der Abweisung entsprechende Zeugnisse meist vergebens. Dies möchte ich so erklären, daß die griechisch inspirierten Oppositions- und Erneuerungsbewegungen sich ihrer Motive klar werden und, um sie zu verbreiten, denn auch zu Papier bringen mußten, die Repräsentanten des Konservatismus der klassischen Phasen dagegen nicht. Führungsschichten der Konservativen sind häufig außerstande, Grundeinstellungen (Loyalitäten, Denkverbote, Tabus etc.), die ihre Existenz konstituiert und ihr Überleben ermöglicht haben, selbst zu formulieren, und sie pflegen sie solange sie überleben kaum je offen auszusprechen.

V.

Soviel zur Vergangenheit. In der Gegenwart ist griechisch gewissermaßen synonym für "unjuristisch" und "byzantinisch" nach acht Jahrzehnten Interpolationenforschung der Name des Abzustoßenden. Für das altgriechische und hellenistische Recht hat die moderne Forschung in einer Attitüde von Zuwendung die subtilsten Formen der Abweisung entwickelt.
"Das hellenistische Recht", sagte 1891 Ludwig Mitteis, "ist, wenn auch nicht an formaler Vollendung, so doch an innerem Gehalt der Ideen dem römischen gleich, an ethischem Gehalt vielleicht überlegen." Dieses Bekenntnis der ersten Erschütterung war und blieb Ausnahme. Es bestätigt die Regel, daß die heute noch herrschende Lehre den zweifellos stärkeren römischen Teil für den auch besseren hält.

"Es gibt", sagte 1960 Mitteis' Schüler Fritz Pringsheim, "in Griechenland weder Juristen noch juristische Bücher. Man findet dort kein juristisches Fach und damit auch keine Fachkunde." Dieser Satz gründet sich auf die Voraussetzung, Privatrecht sei das einzig zählende, das für alle anderen Fächer mindestens vorbildliche Fach, und mit dieser nur für den römischcn Bereich gültigen Voraussetzung muß er fallen. Römisches Privatrecht, zur Pandektistik gesteigert, ist offenbar so stark, daß es nicht nur die Behandlung jedes anderen Problemkreises - etwa des öffentlichen Rechts seit Laband - ins Schlepptau seiner Methoden und Systeme nehmen, sondern auch jedem anderen Quellenkreis seinen Maßstab aufzwingen will.

Immerhin, wissenschaftliche Abhandlungen zum Privatrecht fehlen auch bei den alten Griechen nicht ganz. Erhalten ist aus einer Schrift des Theophrastes über Verträge das Fragment über Kauf. Theophrast, Erbe und Nachfolger von Aristoteles, vergleicht Kaufrecht verschiedener Stadtstaaten, analysiert deren rechts- und wirtschaftspolitische Zielsetzungen und untersucht, ob die gewählten Mittel zum rechtspolitischen Zweck taugen, all dies als Vorarbeit künftiger optimaler Gesetzgebungen. Er tut all das, was die Römer vermieden. Was die Römer taten (Konstituierung einer eigenständigen Rechtswelt) vermeidet Theophrast. Auch die gängige Behauptung, es habe vor, neben und nach Theophrast keine ähnliche Literatur zum positiven Privatrecht gegeben, ist erweislich unhaltbar; im Gegenteil wird man mit besseren Gründen in Theophrasts Fragment den Repräsentanten einer ehemals umfangreichen Literatur sehen dürfen.

Man muß sich, um die schwächere Sache des griechischen Rechts in Europa zu stärken, in das Zentrum seiner Stärke begeben. Dieses liegt nicht im Bereich der privatrechtlichen iustitia commutativa, sondern im Bereich der von den Römern gänzlich vernachlässigten, in öffentlich-rechtlichen Formen zu verwirklichenden iustitia distributiva und darüber hinaus in dem Entwerfen, Erproben, Analysieren und synthetischen Deuten der Lebensformen eines gerecht verfaßten Gemeinwesens. In diesem Zentrum der Stärke griechischen Rechtsdenkens stehen etwa die acht Bücher Politik des Aristoteles, die auf Untersuchung von 158 zuvor gesammelten Stadtverfassungen beruhen und sich - wie Theophrast für den Bereich des Kaufrechts - als Anleitung zu optimaler Gesetzgebung verstehen. "Hier liegt ein", sagte Gagnér zutreffend, "ganz auf die empirische Welt eingestellter Leitfaden der Gesetzgebung vor."

Eine moderne Form von Abweisung ist die Behauptung, dieses Rechtsdenken der Griechen sei juristisch belanglos, gehöre nicht zum Recht. Indem Juristen nur das im römischen Sinne juristische als Recht gelten lassen, vom Gerechtigkeitsdenken der Griechen isolieren, den Maßstab der Gerechtigkeit als unjuristisch beiseitelegen, verhindern sie die Entwicklung des Gemeinwesens von einem nur rechtlich zu einem gerecht verfaßten.

"Römisches Recht", sagte Wieacker, "hat Ethik und Staat, ja die europäische Gesellschaft selbst erzogen, verwandelt, zu sich selbst gebracht." Erzogen und verwandelt, ja. Aber "zu sich selbst gebracht"? - Darf sie sich nie mehr ändern, an keinem anderen Vorbild orientiert abermals erziehen und wandeln?

VI.

Fragen wir somit schließlich nach der Zukunft, so scheint eine Stufe der Entwicklung nahe zu sein, auf welcher der Vorhang vor der griechischen Geschichte und ihrem Recht und Rechtsdenken in dem Maße fallen könnte, wie sich unsere eigene Existenz erhellt. Wenn nach Mommsen Rom Prototyp der nationalen, Hellas Prototyp der rein humanen Entwicklung ist, so könnte ein künftiges Europa einen hellenistischen Sinn entwickeln. Daß sich griechisches Recht in einer Weise, die nicht auf Abweisung hinausläuft, in Lehre und Forschung einen Platz gewänne, ist weniger utopisch als es scheint. lm Gegenteil: mit Vorlesungen über Geschichte griechischer Rechts- und Staatsphilosophie, wie sie Erik Wolf in Freiburg hielt, könnte antike Rechtsgeschichte vielleicht auch an deutschen Universitäten überleben. Lehre und Forschung Römischen Rechts, so scheint mir, kann kaum noch als panegyrisch-enthusiastisches, sondern nur noch als meditativ-kritisches Vorhaben weiterbestehen. Dabei könnte sich herausstellen, daß neben bekannten und aller Kritik standhaltenden und neben noch unbekannten, aber gewiß noch zu entdeckenden Stärken eine Zeitlang auch von Schwächen die Rede ist.

Ein Beispiel, vorn angefangen: D. 1, 1, 1 "Juristen sind Priester; sie pflegen statt der simulierten die wahre Philosophie". Seit dem Mittelalter hat dieser Text das Selbstverständnis der Juristen geprägt. Mitsamt der Naivität seiner Naturrechtsvorstellungen (Einehe sei Naturrechtsgebot, sagt derselbe Absatz) lebt sein arroganter Geist noch kräftig fort und äußert sich im Spuk des Stiles mancher BGH-Entscheidungen und Gesetzesbegründungen. Es könnte sein, daß, um diesen Geist zu bannen, römisches Recht noch einmal mit der Schulung des griechischen Rechtsdenkens kritisch analysiert werden müßte. In der Besinnung auf die Stärke des griechischen Rechts liegt die Chance zur Überwindung der Schwächen des römischen.

Für Rechtsgeschichte gilt, mutatis mutandis, was Jürgen Habermas für Philosophie gefordert hat:  "Erst wenn Philosophie im dialektischen Gang der Geschichte die Spuren der Gewalt entdeckt, die den immer wieder angestrengten Dialog verzerrt und aus den Bahnen zwangloser Kommunikation immer wieder herausgedrängt hat, treibt sie den Prozeß, dessen Stillegung sie sonst legitimiert, voran: den Fortgang der Menschengattung zur Mündigkeit."

So versteht sich denn das hier skizzierte Arbeitsvorhaben "Europa und griechisches Recht" als Versuch "aus den geschichtlichen Spuren des unterdrückten Dialogs das Unterdrückte zu rekonstruieren".
 

(die gedruckte Fassung, Frankfurt 1971, hat  einige Fußnoten und einen "Anhang" mit weiteren bibliographischen Nachweisen)